Starke Frauenfiguren in Dark Fantasy - warum meine Heldinnen nicht gerettet werden wollen
- Meike Piechota

- vor 18 Minuten
- 6 Min. Lesezeit
Wie ich im Dark Fantasy Klischees breche und Stärke neu denke

Lass mich mit einer Frage starten, die mich seit Jahren beschäftigt: Wann ist eine weibliche Figur eigentlich „stark"?
Wenn sie alleine eine Armee niedermacht? Wenn sie niemanden braucht? Wenn sie nicht weint und Schmerz wegzulächeln weiß wie eine Profi-Pokererin? Oder wenn sie das alles gleichzeitig kann und dabei noch aussieht, als käme sie gerade vom Fotoshooting?
Ich schreibe Dark Fantasy, Urban Fantasy, Bücher, die blutig und düster sind. Und ich merke immer wieder, dass gerade in diesem Genre, wo eigentlich alles möglich wäre, landen weibliche Figuren erschreckend oft in denselben alten Schubladen. Das möchte ich nicht. Deshalb schreibe ich bewusst dagegen an.
Die alle, die schnell reisen wollen:
Warum weibliche Figuren in Fantasy so oft in Klischees landen
Das Problem fängt eigentlich schon bei der Grundfrage an. Was soll eine Frau in einer Fantasywelt sein?
Die Antworten, die Genre-Geschichte und Leser:innen jahrelang bekommen haben, klingen ungefähr so. Die Auserwählte, die zuerst hilflos ist und dann plötzlich unbesiegbar. Die Kriegerin, die sich keine Schwäche erlaubt und Gefühle wie Ballast wegwirft. Die weise Ratgeberin, die hauptsächlich existiert, damit der männliche Held Ratschläge bekommt. Oder – mein persönliches Lieblingsärgernis – die „starke Frau", die im ersten Akt so hart wie Stahl ist und im dritten Akt wegen eines Mannes alles hinschmeißt.
Das sind keine Figuren. Das sind Funktionen.
Das Klischee „starke Frauenfigur" hat sich inzwischen selbst zum Klischee entwickelt. Die hartgesottene, gefühlskalte Killerin, die niemandem vertraut und alleine am besten kämpft. Das ist nicht mehr das Gegenteil von Klischee. Das ist nur ein anderes Klischee mit einem anderen Etikett drauf.
Fantasy Bücher mit komplexen Frauenfiguren zeigen etwas anderes. Sie zeigen Menschen.
Welche Klischees ich bewusst breche
Wenn ich meine Figuren entwickle, stelle ich mir bewusst einige Fragen. Würde ich das genauso schreiben, wenn diese Figur männlich wäre? Braucht diese Figur einen Mann, damit sie eine Entscheidung trifft? Gibt es bei ihr eine Schwäche, die automatisch romantisch aufgelöst wird?
Wenn ich dreimal mit Ja antworten muss, dann stimmt etwas nicht.
Ich breche vor allem diese Muster bewusst:
Das Gefühlsverbot: „Starke Frau" bedeutet für viele Texte, dass es bloß keine Tränen, bloß kein Zittern geben darf. Ich finde das langweilig. Eine Figur, die Angst hat, die weint, die sich nach Nähe sehnt und trotzdem kämpft, ist stärker als eine, die das alles gar nicht erst fühlt. Stärke ohne Verletzlichkeit ist einfach nur Panzer. Kein Charakter. Dies zeigt besonders Sam in meinem Buch RISE. Auch wenn sie in ihrer Funktion im Militär vermeintlich gefühllos und unbesiegbar scheint, geht es ihr in Inneren ganz anders. In einsamen Moment ist sie verzweifelt bzw. Zweifelt sie. Es braucht erst eine Reise, damit ihr Panzer geknackt wird und ihre wahre Stärke zum Vorschein kommt.
Die romantische Erlösung: In meinen Büchern ist der Antrieb meiner Protagonistinnen nicht „der richtige Mann" ist. Sie kämpfen für sich selbst, für ihre Welt und für ihre Überzeugungen. Die Beziehungen, die sie eingeht, sind Teil ihrer Geschichte, nicht ihr Ziel. Das klingt simpel. Es ist aber erstaunlich selten.
Die Eindimensionalität: Wenn eine Figur nur eine Eigenschaft hat (zum Beispiel „sie ist stark") dann ist sie keine Person. Echte Menschen sind widersprüchlich. Sie sind mutig und manchmal feige. Sie sind klug und manchmal blind. Sie machen Fehler, die man ihnen übelnehmen kann, und trotzdem hält man zu ihnen. Das versuche ich in jedem Buch einzubauen.
Was Stärke für mich wirklich bedeutet
Ich denke Stärke in drei Ebenen. Nicht, weil das eine schicke Theorie ist, sondern weil ich merke, dass es in der Praxis immer wieder auf diese drei Dimensionen hinausläuft.
Emotionale Stärke: die härteste Art, stark zu sein
Emotional stark zu sein bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben. Es bedeutet, sie zu kennen und trotzdem zu handeln.
Eine Figur, die Angst hat und durch die Angst hindurchgeht, ist mutiger als eine, die gar keine Angst kennt. Eine Figur, die jemanden verloren hat und mit dem Schmerz umgehen lernt, ohne daran zu zerbrechen. Das ist für mich emotionale Stärke.
In Freedom beispielsweise stolpert Hope zu Beginn der Geschichte eher durch ihr Leben. Alles scheint fremdbestimmt. Sie liegt wortwörtlich am Boden, als sie ihre wahre Stärke entdeckt und sie aufsteht. Nicht weil sie unzerstörbar ist, sondern weil sie begreift, dass Aufstehen die einzige Option ist. Das finde ich interessanter als eine Figur, die einfach nicht fällt.
Verletzlichkeit zu zeigen kostet in Dark Fantasy viel. Denn das Genre ist roh und hart und gnadenlos. Genau deshalb ist Verletzlichkeit hier so wirkungsvoll. Eine Figur, die in einer grausamen Welt trotzdem fühlt, sticht heraus.
Körperliche Stärke: mehr als Muskeln
Ja, meine Heldinnen können kämpfen. Sie können brutal sein. RISE und Freedom sind actionreich und blutig. Das ist kein Zufall, das ist Programm.
Aber körperliche Stärke ist für mich nicht nur, wer die meisten Gegner niederstreckt. Es ist auch, wer schleppt sich weiter, obwohl der Körper aufgeben will? Wer überlebt nicht wegen übernatürlicher Kraft, sondern wegen Ausdauer, Taktik, und dem hartnäckigen Weigerung zu sterben?
Ich schreibe keine unbesiegbaren Figuren. Eine Figur, die nicht verletzt werden kann, erzeugt keine Spannung. Körperliche Verwundbarkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist das, was Kämpfe lebendig macht und was Lesende um die Figur zittern lässt.
Die beste Dark Fantasy mit starken Frauenfiguren zeigt genau das. Nicht die Unbesiegbare, sondern die, die jeden Treffer kassiert und trotzdem nicht aufhört.
Moralische Stärke: die unbequemste Kategorie
Das ist die, über die am wenigsten geredet wird und die ich persönlich am spannendsten finde.
Moralische Stärke bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die einen etwas kosten. Nicht das Richtige tun, weil es einfach ist, sondern weil man es für richtig hält. Auch wenn alle anderen dagegen sind. Oder in eine moralische Grauzone zu treten und sich dabei selbst zuzuschauen, wie man eine Linie überschreitet.
Meine Figuren sind keine Heiligen. Sie lügen, wenn sie müssen. Sie töten, wenn es keinen anderen Weg gibt. Manche treffen Entscheidungen, die man als Lesende:r nicht gutheißen kann. Aber verstehen. Das ist der Unterschied zwischen einer moralisch flachen Figur und einer, die einen noch Tage nach dem Zuklappen des Buches beschäftigt.
Dark Fantasy eignet sich für diese moralischen Grautöne wie kaum ein anderes Genre, weil die Welt selbst keine sauberen Antworten kennt.
Warum Verletzlichkeit keine Schwäche ist
Ich sage das nochmal, weil es wichtig ist. Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Verletzlichkeit ist Tiefe.
Eine Figur, die nicht verletzt werden kann (emotional, körperlich, moralisch) ist nicht stark. Sie ist leer. Lesende können sich nicht mit ihr identifizieren, weil sie kein Mensch ist. Sie können nicht um sie zittern, weil nichts auf dem Spiel steht.
Die Momente, in denen meine Heldinnen in RISE oder Freedom am überzeugendsten sind, sind nicht die Kämpfe. Es sind die Momente, in denen etwas wehtut. Wenn eine Entscheidung einen Preis hat. Das sind die Stellen, wo Lesende aufhören zu lesen. Nicht weil es langweilig wird, sondern weil sie kurz Luft holen müssen.
Warum Widersprüche Figuren interessanter machen
Eine gute Figur ist nicht konsistent. Eine gute Figur ist glaubwürdig. Das ist ein Unterschied. Konsistente Figuren handeln immer gleich, weil sie eine Eigenschaft haben. Glaubwürdige Figuren handeln unterschiedlich, weil sie Menschen sind und Menschen kontextabhängig reagieren.
Meine Protagonistinnen sind manchmal feige, obwohl sie als mutig gelten. Sie sind manchmal grausam zu denen, die sie lieben, obwohl sie eigentlich schützend sind. Sie machen Fehler, die man ihnen nicht sofort verzeiht. Das fühlt sich echter an als eine Figur, die von Anfang bis Ende dieselbe Lektion predigt.
Warum starke Frauenfiguren in Dark Fantasy besonders gut funktioniert
Dark Fantasy Bücher mit starken Heldinnen haben einen strukturellen Vorteil, den ich sehr bewusst nutze. Die Welt des Genres ist von vornherein grausam, kompromisslos und düster. Das bedeutet, Figuren werden ständig unter Druck gesetzt und unter Druck zeigt sich Charakter.
In einem helleren Genre können Figuren manchmal über Schwierigkeiten hinweggleiten. In Dark Fantasy nicht. Hier kommt alles zurück. Entscheidungen haben Konsequenzen. Das macht das Genre perfekt für komplexe Figurenzeichnung, weil keine Tat folgenlos bleibt.
Starke Frauenfiguren in Dark Fantasy sind deshalb nicht stark, weil das Genre ihnen erlaubt zu kämpfen. Sie sind stark, weil das Genre ihnen keine andere Wahl lässt, als alles in sich zu finden, was sie haben.
Zum Schluss: Was ich mir wünsche
Ich möchte Bücher schreiben, deren Figuren nach dem letzten Satz noch in den Köpfen weiterleben. Nicht weil sie unbesiegbar waren. Sondern weil sie alles gegeben haben, obwohl sie nicht wussten, ob es reicht. Das gilt für RISE, das gilt für Freedom, und das gilt für alles, was ich noch schreiben werde.
Wenn du nach Bücher mit starken weiblichen Hauptfiguren suchst. Figuren, die kämpfen, scheitern, aufstehen und trotzdem zweideutig bleiben. Dann bist du bei mir genau richtig. Schau mal bei meinen Büchern vorbei!
Deine Meike





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